Skatenergy

von Cathrin Block

– Warten Sie! Da ist wieder so ein Krabbelkäfer, der an meine Füße will! ... Was haben Sie gesagt? Wo die Kamera hin soll? Na da irgendwo. Räumen Sie das einfach zur Seite, dann haben Sie schon Platz.

– Nein, nein. Helfen kann ich Ihnen wirklich nicht. Ich dachte, das hätten Sie kapiert. Ich kann mit meinen Füßen doch nicht unnötig aufstehen. Das wissen Sie doch. Deswegen sind Sie doch da.

– Mein Gott, schaffen Sie den Kram raus auf den Flur! Dann haben Sie Platz für Ihre Kamera! Sie können ruhig was dafür tun, wenn sie mich in Ihrem Magazin haben wollen. Und wenn sie was zu trinken haben wollen – die Küche ist da hinten.

– Ja, ja, natürlich ist das toll, wenn ich im Fernsehen bin, auch wenn ich wahrscheinlich wie ein Blödmann dastehe. Die warnen einen doch immer wieder vor diesen Leuten, die einem nur das Geld aus der Tasche ziehen. Neulich diese Frau da in Ihrer Sendung, der die Haare von diesem Mittel ausgefallen sind ...

– Da haben Sie ganz Recht. Dies hier ist schlimmer. Das sollten Sie den Leuten ruhig sagen, wenn Sie dieses Video zeigen. Wie sagen Sie immer so schön: Diese skrupellosen Geschäftemacher haben dem Opfer das ganze Leben zerstört. Diesmal stimmt das wirklich.

– Wie ich auf diesen Schleimer reinfallen konnte? Ha, ganz einfach. Er war auf einer von diesen Wellness-Messen. Ich sehe ihn noch heute. Sitzt er da neben einem Stand, an dem fette Weiber auf irgendwelchen Maschinen hocken und ihre Cellulite wegmassieren lassen. Auf der anderen Seite ist so'n Marktschreier, der die Druckluftmechanik in Baseball-Schuhen anpreist, damit die nicht von den Füßen fallen. Der Typ in der Mitte hat gar nichts gemacht. Er saß ganz einfach hinter seiner Theke und trank Kaffee. Und nichts weiter war zu sehen als die Neonschrift „Skatenergy".

– Was ich damals für ein Typ war? Na ja, meine Mutter nannte mich „Kleiner Windhund", was ja wohl alles sagt. Ich war schnell, bei den Weibern und auch sonst. Anbrennen lassen habe ich nichts. Damals waren die Mädchen noch scharenweise hinter mir her. War ein hübsches Kerlchen und immer auf Achse. Besonders gut habe ich mich gefühlt, wenn ich meine Inlines untergeschnallt hatte. Das waren noch Zeiten. Wissen Sie, wenn ich damals in die Disco ging, dann ...

– Tschuldigung, haben Sie ein Taschentuch? Wenn ich nur daran denke ... Eins ist sicher, wenn ich diesem Typ noch einmal begegne, verpass ich ihm einen Tritt, dass er bis zum Mond fliegt. Und meine Füße sind mir dann ganz egal, das können Sie mir glauben. Wenn der was gemacht hätte, irgendwas, und nicht nur still seinen Kaffee getrunken, dann wären wir nicht hier. Dann wäre ich an dem Stand einfach vorbeigegangen und nichts wäre passiert. Dann wäre ich nicht stehen geblieben und hätte geguckt.

– Was der gesagt hat? Na, ob ich Spaß dabei hätte, meinen Rucksack mit den Inlines zu schleppen. Und damit hatte er mich. Nö, habe ich geantwortet, aber man muss ja. Wissen Sie, wenn man damals die neuen, elastischen Keramikrollen hatte, gab man die nicht aus der Hand, schon gar nicht einer vertrottelten Garderobenfrau.

– Das müssten Sie doch noch wissen.

– Sie sind kein Skater? Ach du Scheiße! Skaten ist doch das Höchste! Wenn du über den Rand der Halfpipe hinausschießt, ist es, als ob du fliegst. Sie sollten es mal versuchen. Bei den Mädchen in der Fußgängerzone habe ich manchmal ... Ich glaube, das sollte ich jetzt besser nicht sagen.

– Mhm? Tschuldigung, ich hab nicht zugehört. Da ist schon wieder so ein Krabbelvieh. Vielleicht sollte ich doch mal die Chipskrümel wegsaugen. Ich glaub, die ziehen die Biester an. Moment.

– So, weg. Sehen Sie jetzt das Problem? Wenn ich saubermache, kommen die Biester nicht. Aber dann muss ich herumrennen mit meinen Füßen. Und wenn ich nicht saubermache, muss ich wegen diesen Käfern aufpassen. Die scheinen meine Füße zu lieben. Besonders diese großen braunen scheinen nichts Besseres zu kennen. Und dann die Fliegen. Neulich habe ich im Mülleimer ein ganzes Nest mit Maden ent...

– Wenn Sie es so eilig haben, warum sind Sie dann hergekommen?

– Ja, ja, ich erzähl schon weiter. Also, der Typ fragt mich, ob ich nicht lieber ohne Skate-Rucksack über der Schulter unterwegs sein will. Zuerst habe ich ihn für einen von den Schleichern gehalten, die alle Skates verbieten wollen, wissen Sie, diese Pest, die dir in der Fußgängerzone plötzlich einen Stock vor den Bauch knallt, gerade, wenn du so schön in Schwung bist. Aber das hat er sofort weit von sich gewiesen. Er sei auch Skater, hat er gesagt, genau wie ich. Deshalb habe er ja auch sofort gesehen, dass ich Inlines in meinem Rucksack habe und kein Frühstücksbrot von Mutti oder so. Er war so'n Großer, Dicker im Anzug. Sah überhaupt nicht aus wie einer, der auf Rollen steht. Doch, sagt er, als ich ihn angucke, als sei er nicht ganz dicht, und ich soll mal um die Theke rumkommen. Habe ich gemacht, und was ich dann gesehen habe, war das Tollste, was es gibt. Hier, schauen Sie mal, ich kann es jetzt natürlich auch.

– Das ist ein Ding, nicht? Einfach Rollen und Schuhe aus den Füßen wachsen lassen. Geht mit purer Gedankenkraft, man braucht nur ein wenig Übung. Lernt man aber schnell.

– Warum ich die Dinger nicht mehr benutze? Mann, Sie können Fragen stellen! Lassen Sie mich ausreden, dann werden Sie es wissen. Also, der Typ hat erklärt, der Laden heißt Skatenergy, weil man nur mit seinem Willen die Skates aus Energie erschafft und natürlich auch wieder zurückverwandelt. Er hatte zu seinem Anzug schwarze Lackschuhe an, und die hat er dann vor meinen Augen in todschicke Inliner verwandelt, mint mit schwarzen und silbernen Streifen – und natürlich mit den supertollen Keramikrollen. Glauben Sie mir, ich war sofort grün vor Neid. Und dann habe ich natürlich unterschrieben. Am nächsten Tag ging's ab in die Klinik.

– Wieso ich in die Klinik musste? Mann, haben Sie denn nicht zugehört? Die mussten mir doch das Energy-Pack einpflanzen. Von irgendwoher muss die Energie zum Umwandeln doch kommen. Also, die haben das Ding in meinen Körper eingesetzt und richtig gut an meine Nervenbahnen angeschlossen, eins a sozusagen. Nach drei Tagen hatte ich bereits raus, wie es ging. Nach zwei Wochen haben sie mich dann entlassen, früher tun sie es nicht, haben sie gesagt, damit die Narben nicht aufbrechen, wenn man zu früh die Skates ausprobiert. Sie hätten da schlechte Erfahrungen gemacht. Die waren richtig fürsorglich, die Schweine. Und die haben meine ganzen Ersparnisse dafür kassiert. – Moment mal, es juckt ganz fürchterlich zwischen den Schulterblättern. Seit ich nicht mehr so schlank bin, komme ich da nicht mehr ran. Ob Sie wohl mal ...

– Natürlich müsste ich mal wieder duschen. Aber was glauben Sie, was da alles den Abfluss runtergurgelt.

– Dann halten Sie sich doch die Nase zu!

– Okay, okay, Entschuldigung angenommen. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja. Also, das Jahr nach dem Einpflanzen war super. Das Beste meines Lebens, das kann ich wirklich sagen. Ich habe jederzeit die Rollen ausgefahren. Sie glauben gar nicht, was das für ein Gefühl ist, wenn man aus einem Laden kommt und sofort Slalom zwischen den Fußgängern machen kann. Einmal hat einer mit seinem Handy die Bullen gerufen. Der hat das ganz schlau angefangen und sich versteckt. Ich bin immer im Kreis um den Platz und habe Omis gescheucht. Als dann die Bullen kamen, hat der Typ auf mich gezeigt, aber Skates waren da keine mehr. Der hat ganz schön blöd geguckt, kann ich Ihnen sagen.

Ich habe dann bei einem Kurierdienst angefangen. Die Chefin hat immer gesagt, ich wär der Schnellste, weil ich ja überallhin kam, wo die anderen ihr Fahrrad schieben mussten. Lange Büroflure waren ein Klacks. Damals habe ich gut verdient, kann ich ihnen sagen, mit den ganzen Zulagen, die ich gekriegt habe. Und dann irgendwann habe ich gemerkt, was los ist.

– Ja, schon gut, ich erzähl ja weiter. Aber es fällt mir schwer, wenn ich an den Tag denke. Was glauben Sie, wie groß ich heute bin? Na? Einszweiundfünfzig, ich hab's gemessen. In meinem Pass steht aber einachtundfünfzig. Und jetzt kommen Sie.

– Mein Gott, sind Sie bescheuert. Können Sie sich das nicht denken? Die sechs Zentimeter habe ich im Jahr nach der Operation verloren, buchstäblich auf den Straßen der Stadt verteilt. Nicht, dass ich's mir hätte leisten können bei meiner Größe. Aber Rollen haben nun mal Abrieb. Und Schuhe müssen besohlt werden. Das hatte mir der Typ nicht gesagt. Was glauben Sie wohl, woher sich das Energy-Pack den Schwund zurückholt?

– Natürlich war ich bei der Firma, am selben Tag noch. Der Typ war nicht besonders freundlich, als ich da aufgekreuzt bin. Er hat was gefaselt von nahrhaftem Essen und ob man mir das nicht gesagt hätte. Und ich solle die Füße schonen. Er hätte seinen Verlust inzwischen auf einen halben Zentimeter pro Jahr drücken können und bei seinem Alter und seiner Größe wär das kein Problem. Er würde sowieso sterben, bevor er ganz verschwunden sei.

– Das war das nächste, was ich gesagt habe. Nehmen Sie das Pack heraus, habe ich geschrieen. Ich war inzwischen richtig in Panik. Aber den Typen hat das nicht geschert. Er hat gesagt, nicht bevor ich meinen Sarg bestellt habe. Und als ich in angeguckt habe wie ein Auto, hat er gelacht. Weil die Entladung vom Energy-Pack einen nämlich umbringt. Und entladen muss es werden, wenn man es herausnehmen will.

– Genau. Endlich haben Sie kapiert. Man hat das Ganze nie so hundertprozentig unter Kontrolle. Ein paar Fetzchen Energiematerie gibt es immer. Und wenn man geht oder duscht, verschwinden sie und damit ich. Ich bin vierundzwanzig und einszweiundfünfzig. Wie lange, glauben Sie, halte ich vor, wenn ich nicht aufpasse wie ein Schießhund? Man soll doch noch was von mir beerdigen können. Das können Sie ruhig in Ihrer Sendung sagen.

– Jetzt schon? Aber ich habe doch noch gar nicht erzählt, wie meine Mutter mich behandelt seitdem. Und das Mädchen, das ich damals kennen gelernt habe, ist auch weg. Und mein Vermieter will, dass ...

– Sie gehen? Aber ...

– Ich verstehe, Sie haben noch einen Termin. Schade. War nett, Sie kennen zu lernen. Wenn Sie gehen, können Sie dann den Müll mit runternehmen?

 

© Cathrin Block

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