Fleisch und Blut

von Cathrin Block

Sie waren wieder da, die alten Bilder, die silbernen Innenseiten der Dämmwolle, die Vater zwischen den Dachsparren unter die Ziegel gestopft hatte, die ausgeblichenen, gestickten Blüten auf der alten Tischdecke über dem Kofferstapel, das Blättermuster auf dem Schirm der Nachttischlampe, die auch an hellen Tagen eingeschaltet werden musste, sobald die Sonne am kleinen Giebelfenster vorbeigewandert war. An trüben Tagen brannte sie von morgens bis abends. Seit gestern waren die Bilder wieder da. Und in der Nase hatte Hannelore die Mischung aus Holzschutzmittel, Kampfer und dem Geruch welkender Blumen, weil Mutter zu Ostern einen Krug Narzissen auf den Nachttisch gestellt hatte.

   Wieder spürte sie den alten Schmerz.

   Sie saß an ihrem Schreibtisch und starrte blind auf den Bildschirm des Elek­tronenrechners. Ihre Hände lagen vor dem Tastenbrett. Ab und zu hob sie eine, um den ersten Buchstaben zu tippen, ließ sie aber sofort wieder sinken. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie konnte einfach nicht, obwohl ihr Verleger auf die Manuskripte wartete.

   Hannah.

   Die Frau, die sie gestern gesehen hatte, musste Hannah heißen. Samuel hatte es versprochen. „Hannelore, die Mutter, und Hannah, die Tochter", hatte er gesagt, und auch: „Ich werde sie für dich hüten."

   Hannah, tippte Hannelore. Ihre Finger zitterten. Die Einfügemarke blinkte hinter dem zweiten h.

   Gestern hatte sie Samuel wieder gesehen.

   Und Hannah.

   Hannelore stand auf und ging zu der offenen Terrassentür. Das Wetter hatte sich gehalten. Gestern schon lag strahlender Sonnenschein über Danzig, gerade rechtzeitig für den Sonnenwendumzug, der zum neuen Jahrtausend besonders prächtig ausgefallen war. Im „Danziger Stürmer" hatte gestanden, dass der Reichskommandant den Wetterumschwung als Zeichen des Himmels wertete. Die Jahre des Aufruhrs wären jetzt endgültig vorüber, hatte er gesagt. Die Polen verhielten sich schon länger ruhig und auch im Schtetl drüben war alles friedlich, nicht so, wie vor zehn Jahren, als Polenhorden und Juden mit Parolen von Gleichheit für alle Menschen durch die Stadt zogen. Zum neuen Jahrtausend war der Spuk vorbei und der Reichskommandant erlaubte auch Nichtariern, in die Stadt zu kommen und den Umzug anzuschauen. Darum konnte Samuel gegenüber der Tribüne am Langen Markt stehen.

   Die Frau neben ihm musste Hannah gewesen sein.

   Hannelore presste ihre Finger in den Rahmen der Terrassentür. Der Schmerz half ihr, die Tränen zurückzuhalten.

   Von sieben verschiedenen Erzeugern hatte Hannelore Kinder geboren, von acht, wenn man Samuel dazurechnete. Aber geliebt hatte sie nur ihn. Und Rüdiger, Friedrichs Vater.

   Hast du auch Kinder, Hannah?

   Die Frau neben Samuel war Hannah gewesen, bestimmt. Sie hatte ihm so sehr geglichen. Und sie hatte sich an ihn gelehnt, wie es nur eine Ehefrau oder eine Tochter tat. Sie besaß wie er dieses störrische Haar, so schwarz, wie damals Samuels. Seines war inzwischen fast weiß.

   Samuel, wie er an der Dachbodentreppe stand, die Kippa in den Händen drehte und den Blick nicht von ihr wandte, während sie sein Kind aus ihrem Leib presste. Sie spürte wieder den Geschmack des Holzstücks, das Mutter ihr zwischen die Zähne geschoben hatte. Niemand unten im Haus durfte ihr Schreien hören. Alle glaubten, dass sie den Winter in Italien verbrachte, bevor sie im Sommer das erste Kind für den Führer empfing.

   Hannelore ballte die Faust und schlug damit gegen den Türrahmen. Sie musste mit diesen alten Erinnerungen aufhören. Sie musste. Warum hatten die beiden nicht bleiben können, wohin sie gehörten?

   Von dort, wo sie stand, konnte man bis zu den eng geschachtelten Dächern des Schtetls blicken. Das Lebensborn-Wohnheim lag oben auf dem Bischofsberg und man hatte einen weiten Blick über das flache Land des Weichseldeltas. Heute waren gegenüber im Dunst sogar die Zwillingsgipfel der Elbinger Höhe zu erkennen und davor, auf halbem Weg, das deichgesäumte, silberne Band des Hauptarms der Weichsel. Das Schtetl lag am diesseitigen Ufer, ein braunes Hausgewirr, aus dem im Zentrum die Synagoge herausragte.

   Warum bist du nicht dort geblieben, Samuel?

   Eine Fontäne aus glitzernden Tropfen löste das Bild auf. Jemand war in das Schwimmbecken gesprungen und hatte alle am Rand nass gemacht. Friedrich.

   Hannelore holte tief Luft. Friedrich. Sie lächelte. Dann ging sie zum Rechner zurück. Sie musste heute noch etwas schaffen. Der Bildschirm war inzwischen dunkel geworden, aber er leuchtete auf, als sie die Maus bewegte. Die Einfügemarke blinkte immer noch hinter dem h.

   Hannah.

   Hannelore setzte sich. Sie sah sie wieder vor sich, die Frau, etwa dreißig. Hannah musste im April einunddreißig geworden sein. Das Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden getragen und es gab noch das Grübchen in ihrer Wange, das Hannelore entdeckt hatte, als Mutter sie für wenige kostbare Minuten mit Samuel und dem Kind allein ließ.

   Hast du immer noch die goldenen Flecken in den Augen, Hannah?

   Hannelore roch wieder den süßen Duft der Kleinen und spürte die Flaumhaare, die ihre Nase kitzelten. Für einen Augenblick hatten sie sich in die Augen gesehen, Mutter und Tochter, ehe man ihr das Bündel aus den Händen nahm. Jetzt kehrte der Schmerz von damals zurück.

   Meine Tochter, tippte Hannelore hinter das h. Sie starrte auf die Worte. Hannah meine Tochter. Sie tippte: Mein erstes Kind mit den goldenen Flecken in den Augen und dem Grübchen in der Wange. Samuels Toch...

   Was tat sie da? Wenn das jemand las.

   Sie hob die Hand, um die Worte zu löschen, als die Tür aufging. Hannelore schrak zusammen.

   Freya, natürlich. Freya klopfte nie an. „Mutter", sagte sie. Manchmal war sie so kurz angebunden wie ihr Erzeuger.

   „Herrgott, Kind. Musst du so hereinplatzen?"

   Freya achtete nicht darauf. Sie setzte sich an den Tisch auf halbem Weg zur Terrassentür. „Du musst mit ihm reden, Mutter. So geht es nicht weiter. Er benimmt sich Wolf gegenüber wie ..." Sie hob die Arme in dem hilflosen Versuch, das richtige Wort zu finden.

   Hannelore fürchtete, dass Freya neugierig wurde, wenn sie jetzt hastig das Geschriebene löschte. Sie schwenkte auf dem Drehstuhl herum und bemühte sich, den Bildschirm mit ihrem Rücken zu verdecken. Das musste für den Augenblick genügen. „Mit wem soll ich reden?" fragte sie.

   Freya ballte die Fäuste. „Oh Gott, Mutter! Mit wem schon! Mit Friedrich natürlich. Du weißt doch, wie er ist."

   Hannelore hasste die Fehde zwischen ihren Kindern. Immer war Friedrich die Zielscheibe für die Eifersüchteleien der anderen. Erstaunlicherweise hatte ihm das nie viel ausgemacht. Mit neugierigen Augen hatte er alles genommen, wie es kam, und letzten Endes triumphierte er über jeden Versuch, ihm Steine in den Weg zu legen. Jetzt würde sich sogar sein größter Traum erfüllen. Er hatte eine Zusage von der Raumfahrtakademie in Peenemünde. Ins All hatte er fliegen wollen, seit sein Vater ihm die Mondkrater im Fernglas gezeigt hatte.

   „Lass Friedrich in Ruhe", sagte Hannelore. „Immer schwärzt ihr ihn an."

   Freya bekam rote Flecken am Hals. „Ich? Ich hacke also wieder auf ihm herum. Ist es das, was du meinst?" Sie holte tief Luft und schloss die Augen. Nach einem Augenblick sagte sie: „Nein, ich streite nicht mit dir, Mutter, heute nicht. Dass Friedrich in deinen Augen nichts falsch machen kann, das wissen wir alle." Sie stand auf und trat in die offene Verandatür. „Wir alle konnten niemals mit ihm konkurrieren. Und ich, auch das weiß ich Mutter, bin deine größte Enttäuschung. Keine Karriere bei der Gestapo wie Sigrun, keine angehende Museumsleiterin wie Gertrud, keine Musikwissenschaftlerin wie Brunhild, von Volker und Gerhard ganz zu schweigen. Ich ..."

   „Hör auf!" Ein rascher Blick überzeugte Hannelore, dass der Bildschirmschoner inzwischen eingeschaltet war. „Ihr alle, alle sieben, seid die Zukunft des Reichs. Ihr seid nicht nur Arier, sondern die arische Elite. Ihr seid mein ganzer Stolz. Mein ganzes Leben habe ich für euch und eure Zukunft gelebt." Hannelores Stimme war mit jedem Wort lauter geworden. Das war die Wahrheit. Samuels Kind war verloren und nicht zu ersetzen, aber Hannelores Erbgut war vom Reich gebraucht worden. Dem Führer konnte sie Kinder schenken, viele, wenn auch keines darunter war, das ihr Innerstes so tief berührt hatte wie Hannah.

   Bis Rüdigers Sohn geboren wurde, Friedrich.

   Man hatte ihr Rüdiger vorgestellt, weil man es noch einmal mit ihr versuchen wollte. Die schwierige Geburt von Freya lag inzwischen vier Jahre zurück. Hannelore war zwar schon dreißig, aber der Arzt meinte, dass die Schwierigkeiten der letzten Schwangerschaft sich nach der Pause nicht wiederholen würden. Also traf Hannelore Rüdiger – und Samuel war von dem Augenblick an vergessen. Sie heirateten noch vor Friedrichs Geburt.

   Rüdiger war auch der Einzige, der Hannelores Geheimnis kannte. Eines Nachts im Bett hatte er ihr die Geschichte vom Winter auf dem Dachboden entlockt. Im selben Jahr noch hatten aufständische Polen ihn aus dem Kommandowagen gezerrt und niedergemetzelt. Friedrich war damals neun Jahre alt gewesen.

   „Ich gehöre nicht dazu", sagte Freya leise.

   Hannelore schreckte auf. „Was?"

   Der aggressive Ton kehrte in Freyas Stimme zurück. „Zur Elite des Reichs gehöre ich nicht. Ich bin nicht schlau oder musikalisch oder sportlich. Ich tauge zu nichts."

   Hannelore schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Früher hatte sie widersprochen, aber Tatsache war, dass Freya sich nicht so entwickelt hatte wie ihre Geschwister. Sieben Schwangerschaften in sieben Jahren waren einfach zuviel gewesen. Das schlechte Gewissen Freya gegenüber verließ Hannelore niemals.

   Sie stand auf und ging zu ihrer Tochter. „Immerhin wirst auch du dem Führer Kinder schenken", sagte sie und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Dein Erbgut ist so gut wie das deiner Geschwister. Lebensborn wird bald einen Ehemann für dich gefunden haben." Mit sanftem Druck holte sie Freya wieder in den Raum zurück. „Und jetzt erzähl mir, was Friedrich angestellt hat."

   Misstrauisch sah Freya sie an. Doch dann lockerte sich ihre Haltung. „Es ist Wolf, wie immer", sagte sie. „Immer stichelt Friedrich gegen ihn, gegen Wolfs Frisur, gegen seine Lederkluft, manchmal sogar gegen die ganze Sturmjugend. Wolf ist so stolz, dass er Rottenführer geworden ist, aber Friedrich lästert darüber. Wolf wird sich irgendwann rächen, das weiß ich. Er wird es auch nach ...", sie stockte, „na ja, egal."

   Hannelore setzte sich und nahm Freyas Hand. „Kind", sagte sie vorsichtig, „bitte versteh das jetzt nicht falsch. Aber glaubst du wirklich, Wolf ist der richtige Umgang für dich?"

   Mit einem Ruck zog Freya ihre Hand fort. „Ich habe es gewusst. Jetzt fängst du auch damit an."

   Hannelore fing die Hand wieder ein und hielt sie fest. „Ich habe gesagt, du sollst es nicht falsch verstehen. Wolf ist ein junger Mann und du wartest auf die Zuteilung deines Ehemannes. Du musst dein Erbgut rein halten, das ist alles."

   „Mutter! Ich bin erwachsen. Ich weiß, was ich tue. Wolfs Erbgut ist so arisch wie jedes andere."

   „Arisch schon." Hannelore seufzte. „Also schön, Kind, ich werde mit Friedrich reden. Aber du solltest wirklich nicht ständig mit dieser Sturmjugendrotte herumziehen. Wolf ist arisch, aber sein Erbgut ..."

   Sie war auf den heftigen Ruck nicht vorbereitet, mit dem Freya ihre Hand aus der Umklammerung riss.

   Freya sprang auf. „Sag nie wieder etwas gegen Wolf. Niemals, hast du gehört? Wolf respektiert mich. Für den bin ich die Größte, damit du es weißt. Etwas, das ich von keinem von euch sagen kann." Sie stürmte zur Tür und schmetterte sie hinter sich ins Schloss.

   „War das etwa mein sanftmütiges Schwesterchen?", fragte Friedrich in der Terrassentür.

   Hannelore war halb aufgestanden, um Freya hinterherzulaufen. Jetzt drehte sie sich um. „Himmelherrgott, Friedrich, kannst du sie eigentlich niemals in Ruhe lassen?"

   „Sie hat also wieder gepetzt." Friedrich streifte Tropfen von seiner Brust. Offenbar war er gerade erst aus dem Schwimmbecken gekommen.

   „Sie hat mich gebeten, mit dir zu reden. Sie mag diesen Wolf. Nimm doch ein bisschen Rücksicht." Hannelore ging und holte ein Handtuch aus dem Schlafzimmer.

   Friedrich zeigte nicht mal gespieltes Schuldbewusstsein, als sie zurückkam. „Sie mag ihn, ich mag ihn nicht", sagte er und machte Anstalten hereinzukommen.

   „Lass das. Du bist nass. Du solltest dir was anziehen, sonst erkältest du dich."

   „Mama! Ich bin achtzehn und nicht acht."

   „Manchmal benimmst du dich aber so." Hannelore drückte ihm das Tuch in die Hand. „Außerdem lauscht man nicht."

   „Ich habe nicht gelauscht. Ich habe Hunger." Friedrich rieb sich gehorsam trocken. Dann kam er herein, legte das Tuch über den Drehstuhl am Schreibtisch und setzte sich. „Ganz ehrlich, Mama, dieser Wolf ist kein Umgang für Freya. Er ..."

   „Ich glaube nicht, dass dich das etwas angeht." Hannelores Stimme war schärfer als beabsichtigt. Friedrich hatte ja Recht, aber was sollte sie tun? „Immerhin ist Wolf Rottenführer bei der Sturmjugend. Er ist so arisch wie du."

   „Arisch, ha!" Friedrich schnaubte. „Was heißt das schon. Arisch zu sein macht einen nicht automatisch zu einem guten Menschen."

   „Da war der große Führer aber anderer Meinung."

   „Und wenn schon. Hitler ist seit dreiundzwanzig Jahren tot und liegt in Nürnberg in seinem prächtigen Marmormausoleum."

   „Friedrich! Lass das bloß niemanden hören. Solche Redereien gehören sich nicht."

   Friedrich beugte sich vor. „Mama, arische Typen wie Wolf terrorisieren Menschen. Sie fahren mit Motorrädern im Schtetl herum und jagen Kinder und alte Leute. Wolf hat einen Schlagstock mit Elektroschockspitze, den er auch benutzt. Manchmal schäme ich mich, ein Arier zu sein, wenn ich das sehe."

   „Es sind doch nur Juden."

   „Ja sicher. Aber schon der Große Führer hat gesagt, dass man Juden nicht vernichten soll. Sie sollen nützlich sein. Was glaubst du, wie lange die sich das noch gefallen lassen?"

   Hannelore machte eine wegwerfende Handbewegung. „Was können sie schon tun?"

   „Sie können abhauen. Über die Ostsee ist es nicht weit zu den Russen. Seit Breschnew den Pakt gekündigt hat, den Hitler mit Stalin schloss, werden sie dort mit offenen Armen aufgenommen."

   Hannelore hatte genug davon. „Ach Sohn, das ist Politik", sagte sie und machte sich auf den Weg zur Küche. „Ich hole dir jetzt etwas zu essen." Friedrich murmelte etwas Unfreundliches hinter ihr her, aber sie zog vor, es zu überhören.

   Als sie zurückkam, einen Teller mit Broten in der Hand, starrte Friedrich mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm.

   Mein Gott, sie hatte den Satz über Hannah noch nicht gelöscht!

   Hannelore spürte, wie sie blass wurde. Rasch stellte sie den Teller auf den Tisch und ging zu Friedrich, um ihn beiseite zu schieben.

   „Was bedeutet das, Mutter?" fragte er. „Wer ist Hannah und wer ist Samuel?"

   „Niemand." Hannelore griff an ihm vorbei, markierte die Worte und löschte sie. Sie schaltete den Rechner aus. „Eine Idee, weiter nichts."

   Friedrich sah sie an, mit der derselben steilen Falte zwischen den Brauen, wie sie sein Vater gehabt hatte. Hoffentlich war er nicht auch genauso hellsichtig. Hannelore zog ihn vom Stuhl hoch und schob ihn auf sein Zimmer zu. „Zieh dir was über, Sohn", befahl sie. Dann sank sie in ihren Sessel am Fenster. Kinder waren manchmal entsetzlich anstrengend.

 

Der nächste Tag zeigte immer noch keine Wolke am Himmel. Friedrich holte sein Motorrad heraus, das er zum letzten Geburtstag bekommen hatte. „Lass uns hinaus fahren, Mutter", sagte er.

   Hannelore belegte Brote und füllte eine Thermoskanne mit Kaffee. Friedrich verstaute alles im Kasten unter dem Sitz. Bald darauf saßen beide hintereinander auf dem Bock und Friedrich steuerte die steile Kopfsteinpflasterstraße hinunter in die Stadt.

   Als er die Straße nach Osten nahm, wunderte sich Hannelore. Sonst fuhren sie immer zur Halbinsel Hela, wenn sie einen Tag am Meer verbringen wollten. Aber schön, wenn er zum Haff wollte, ihr sollte es recht sein. Sie lehnte sich an Friedrichs Rücken und genoss die Fahrt.

   Am Weichseldeich bog Friedrich in einen Schotterweg ein. Hannelore richtete sich auf. „Wohin willst du?" schrie sie gegen das Motorengeräusch und den Fahrtwind an, aber er antwortete nicht. Erst als sie ins Schtetl einfuhren, begriff sie.

   Als Friedrich auf den Platz vor der Synagoge einschwenkte, sah sie Samuel bereits auf den Stufen zum Portal stehen. Neben ihm wartete der Rabbiner. Friedrich fuhr einen schwungvollen Bogen bis zum Fuß der Treppe, stieg ab und bockte das Motorrad auf. Das Motorengeräusch erstarb.

   Hannelore konnte sich nicht überwinden, einen Fuß auf den Boden zu setzen. „Was soll ..." Sie hustete den Kloß aus der Kehle. „Oh Gott, Friedrich, was soll das?"

   Friedrich grinste sie an. „Ich bin kein Kind mehr, Mama, ich kann eins und eins zusammenzählen. Das, was du gestern da geschrieben hattest ... nun ja, es war ganz leicht, weil ich die Namen wusste. Ein Anruf", er nickte dem Rabbiner zu, „und hier sind wir. Ich will natürlich meine große Schwester kennen lernen."

   Zögernd kam Samuel die letzten Stufen herunter. „Guten Tag", sagte er und seine Stimme war genauso belegt wie Hannelores vorher.

   Er sah noch immer so aus wie vor einunddreißig Jahren, bis auf das weiße Haar. Und ein paar Falten hatte er um die Augen. „Samuel", murmelte Hannelore.

   „Nun komm da runter, Mama." Friedrich griff nach ihrem Arm und zog daran. Hannelore blieb nichts anderes übrig, sie musste absteigen.

   „Und wo ist meine Schwester?" fragte Friedrich.

   Hannelore hätte ihn am liebsten geschüttelt für seinen unbekümmerten Ton. Dies hier waren Juden. Arier hatten hier nichts verloren. All die Jahre hatte sie geschwiegen und jetzt das.

   „Nimm endlich den Helm ab, Mama." Friedrich klang wie ein Vater, der ein widerspenstiges Kind zu bändigen hatte.

   Samuel sah sie schweigend an. Hannelore wusste, dass sie unhöflich war.

   Der Rabbiner entkrampfte die Situation. Er kam heran und nahm Hannelores Hand. „Ich begrüße Sie, Frau von Treuchthaus. Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich jetzt fühlen." Er lächelte. „Aber lassen Sie mich zuerst sagen, dass ich ein großer Bewunderer von Ihnen bin. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Sie glauben gar nicht, wie ich mich freue, Ihnen heute persönlich gegenüberzustehen."

   Es half tatsächlich. Hannelore spürte, wie ihre Beherrschung langsam zurückkehrte. Sie holte tief Luft und sah von einem zum anderen. Dann setzte sie den Helm ab. „Guten Tag, Samuel", sagte sie.

   „Na endlich." Friedrich nahm Hannelore den Helm aus der Hand und hängte ihn an den Lenker. Dann schob er seinen Arm unter ihren. „Und wo ist Hannah nun?" Er sah Samuel auffordernd an.

   Samuel räusperte sich und deutete nach oben zum Portal. „Sie müssen entschuldigen, Frau von Treuchthaus, aber es war schwierig, sie zum Kommen zu überreden. Sie ist ..."

   „Frau von Treuchthaus!" Friedrich prustete los. „Gott wie umständlich. Haben ein Kind zusammen und siezen sich."

   „Friedrich, es reicht." Endlich hatte Hannelore den Schock überwunden. Sie wandte sich an Samuel. „Aber er hat Recht, nenn mich ruhig Hannelore, wie früher. Und ich danke dir, dass du einem Treffen zugestimmt hast. Doch wir sollten hier nicht sein. Wenn deine Tochter mich nicht sehen will, ist es gut. Wir werden sofort wieder abfahren. Und bitte verzeih meinem Sohn." Sie nickte auch dem Rabbiner zu. „Auch Ihnen Dank", sagte sie. „Und jetzt komm, Friedrich."

   Motorengeräusch übertönte ihre letzten Worte.

   „Oh nein!" flüsterte der Rabbiner und wurde blass. Samuel sah an ihr vorbei und ballte die Fäuste.

   Der Rabbiner machte drei Schritte die Stufen hinauf. „Kommen Sie!" rief er über die Schulter. „Kommen Sie, rasch! Wir müssen hier verschwinden." Dann rannte er schneller als mit seiner Würde vereinbar den Rest der Stufen hinauf und hielt dabei mit einer Hand seinen steifen, schwarzen Hut fest.

   Doch es war zu spät, ihm zu folgen. Fünf Motorräder bogen in den Platz ein. Junge Männer in schwarzer Lederkluft steuerten sie. Alle hatten die SS-Runen auf ihre Helme gemalt und der Anführer hatte seine Sozia dabei. Mit spritzendem Kies schleuderten die Maschinen vor die Treppe. Friedrichs Motorrad stürzte um, als ein anderes dagegen stieß. Oben schlug die Tür ins Schloss.

   „Hey!" Friedrich ließ Hannelore los und rannte auf den Schuldigen zu. „Was soll das!"

   Die Rotte grölte: „Klatsch ihn, Wolf, klatsch ihn."

   Friedrich blieb stehen, als sei er vor eine Wand gelaufen. „Wolf?"

   Der Anführer nahm seinen Helm ab. Zum Vorschein kam ein kahl rasierter Schädel mit tätowierten SS-Runen auf dem Hinterkopf.

   „Wolf!" Friedrich schnaubte. „Ich hätte es mir denken können."

   „Friedrich!" Wolf zeigte sein Gebiss. „Was tust du denn hier?" Er machte eine ausholende Armbewegung. „Schnappt ihn euch, Jungs."

   „Das kannst du nicht machen."

   Zwei von Wolfs Gefolgsleuten schleuderten Friedrich in den Staub. Friedrich wischte sich die ersten Blutstropfen von der aufgeschürften Wange.

   „Ich kann es doch, wie du siehst." Wolf grinste auf ihn hinunter. „Ich warte schon lange, dass ich dich mal außerhalb deiner vornehmen Gegend erwische. Dies hier ist mein Revier und hier mache ich, was ich will." Ein wuchtiger Tritt mit dem Stiefel unterstrich seine Worte.

   „Sind Sie verrückt?" Hannelore warf sich zwischen Wolf und ihren Sohn. „Was tun Sie da?"

   „Mutter!" Die Sozia zog ihren Helm vom Kopf. „Halt dich da raus."

   Hannelore sah Freya fassungslos an. „Das ist dein Bruder", sagte sie schließlich. „Wie kannst du so etwas zulassen?"

   Freya zuckte die Schultern. „Ich habe dir gestern schon gesagt, dass Wolfs Geduld zu Ende ist."

   „Freya!" Hannelore sah hilflos zu Samuel, der immer noch wie angewurzelt auf der untersten Stufe stand. „Hilf mir, Samuel", sagte sie.

   Wolf kniff die Augen zusammen. „Samuel?" Er blickte zwischen Hannelore und Samuel hin und her. „Ihr kennt euch? Ist deine Mutter etwa ein Judenliebchen, Freya?"

   Jetzt kam Bewegung in Samuel. „Nein, nein, mein Herr." Er verbeugte sich tief. „Die Herrschaften haben nur nach dem Weg gefragt. Wie haben nichts miteinander zu tun, das versichere ich."

   „Sieh da, der Gelbstern quakt!" krähte einer von Wolfs Gefolgsleuten.

   „Quak, quak, quak", grölte der Chor.

   Friedrich rappelte sich langsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht hoch und hielt sich die Seite, wo Wolfs schwerer Stiefel ihn getroffen hatte. Hannelore ging zu ihm und raunte: „Kannst du fahren? Lass uns von hier verschwinden, so schnell es geht."

   Friedrich starrte sie ungläubig an. „Verschwinden? Jetzt? Herrgott, Mutter, wir können doch nicht einfach abhauen."

   „Doch, ihr solltet gehen." Freya hatte sich bei Wolf eingehakt.

   Der blickte immer noch zwischen Hannelore, Friedrich und Samuel hin und her und versuchte zu ergründen, was Freyas Familie ins Schtetl zu suchen hatte. Hannelore konnte förmlich sehen, wie sich unter seinem kahlen Schädeldach die Gedanken durch die Hirnwindungen quälten. „Und du kennst sie doch", sagte er schließlich zu Samuel. Mit einem Ratschen riss er den Klettverschluss an seinem Hosenbein auf, holte einen Schlagstock mit metallener Spitze hervor und drückte an der Seite einen Knopf. „Du hast mich angelogen, Gelbstern. Du hast es gewagt, einen Deutschen anzulügen." Er hob den Stock.

   „Das machst du richtig gerne, nicht wahr?", fragte Friedrich freundlich. „Wie nennt ihr das? Juden rösten?"

   „Friedrich!" Hannelore versuchte verzweifelt, ihren Sohn vom Geschehen fortzuziehen.

   „Hast du noch nicht genug?" Wolf ließ sich von Samuel ablenken und kam wieder auf Friedrich zu.

   Friedrich schüttelte Hannelores Hand ab und grinste Wolf mit unerschütterlicher Heiterkeit an. „Mir kannst du nicht viel tun, mein Lieber. Ich bin Arier wie du und ich werde dir die Polizei auf den Hals hetzen, da kannst du sicher sein."

   „Ein Judenfreund bist du, nichts weiter."

   „Oh Gott, hört doch endlich auf." Jetzt wurde es offenbar auch Freya zuviel. „Lass uns abhauen, Wolf. Das führt doch zu nichts."

   „Jetzt haben also Weiber hier das Sagen", rief einer aus der Rotte und die anderen lachten.

   An Wolfs Schläfe schwoll eine Ader. „Haltet die Klappe!" brüllte er. Dann schwang er den Stock gegen Friedrich. Der wich aus, die Treppe hinauf, so schnell er konnte. Wolf hinterher, wild mit dem Stock fuchtelnd. Samuel schaffte es nicht, außer Reichweite zu kommen. Der Stock traf ihn an der linken Brustseite. Funken blitzen auf, es knisterte. Samuel griff sich an die Brust und stürzte wie in Zeitlupe nach vorne, rollte über die letzten paar Stufen und blieb am Fuß der Treppe seltsam verdreht und mit weit aufgerissenen Augen liegen. Für einen Augenblick - für eine Ewigkeit - blieb die Zeit stehen.

   „Ist er tot?" fragte Freya schließlich. Sie hörte sich an wie die fünfjährige Freya, die ihren Vater fragte, warum er nicht bei ihnen blieb.

Oben an der Treppe ging das Portal auf. Man hörte hastiges Gemurmel und ein lautes „Ich muss da runter!". Dann kam eine Frau die Stufen herabgerannt. Hannelore sah ihr entgegen. Hannah.

   Sie sank neben ihrem Vater in die Knie und legte eine Hand an seinen Hals. Dann sah sie auf. „Ihr habt ihn umgebracht", sagte sie rau.

 

Wie es geschehen war, konnte Hannelore nicht mehr sagen. Plötzlich war der Platz voller Menschen gewesen. Sie hatten die Leiche umringt und diejenigen nicht aus ihrem Griff gelassen, die sie für schuldig hielten. Und sie machten dabei keinen Unterschied zwischen Hannelore, ihren Kindern und der Sturmjugendrotte. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, ehe man Polizeisirenen hörte und ein Wagen neben dem Menschenauflauf hielt. Jetzt saßen sie in der schäbigen Amtsstube der Wache und Hannelore vertrieb sich die Zeit damit, dem Wandern des Sonnenflecks zuzusehen, der durch das Fenster fiel.

   Wolf hatte darauf bestanden, dass man einen Ermittler der SS verständigte, und der hohe Herr ließ sich Zeit.

   Bänke standen an den drei Seiten einer Fensternische. Auf der anderen Seite der Sperre hackte ein Beamter auf einer Schreibmaschine herum. Gegenüber von Hannelore hatte Wolf seinen Arm besitzergreifend um Freya gelegt. Hannah saß allein mit dem Rücken zum Fenster, vornüber geneigt, die Arme um sich geschlagen, als ob sie fröre. Neben Hannelore bewegte sich Friedrich so wenig wie möglich und ließ ab und zu ein unterdrücktes Stöhnen hören. Vermutlich hatte Wolfs Tritt ihm eine Rippe gebrochen. Aber einen Arztbesuch hatte er abgelehnt und bis auf die Schmerzen schien es ihm gut zu gehen. Die vier Gefolgsleute von Wolf hatte man nach Feststellung der Personalien nach Hause geschickt.

   Hannelore sah zu Hannah hinüber. Das war sie also, die Tochter, die sie nie kennen gelernt hatte. Ihr dunkles Haar zeigte bereits graue Strähnen an den Schläfen, aber sie wirkte gepflegt und jugendlich. Einunddreißig Jahre. Wie lebte sie? Was war sie für ein Mensch? Hatte sie immer noch diese goldenen Flecken in den Augen? Manchmal, im Traum, blickten sie Hannelore immer noch an.

   Friedrich regte sich und fasste sich an die Seite.

   „Du hättest doch zum Arzt gehen sollen", sagte Hannelore besorgt.

   „Und dieses hier verpassen?" Friedrichs Lachen endete mit einem Stöhnen. „Mir geht es gut, Mama, wirklich. Und wenn ich vorsichtig bin, tut es auch nicht besonders weh." Er grinste zu Wolf und Freya hinüber.

   Freya zog ein Gesicht, das Hannelore nur zu gut kannte. So hatte sie immer ausgesehen, wenn sie nicht mehr wusste, was richtig und was falsch war. Eine Mischung aus Schuldbewusstsein und aufsässiger Herausforderung. Hannelore wünschte, sie hätte jemals in einer solchen Situation zu ihr durchdringen können. Wolf verstärkte den Druck um ihre Schultern und sie lehnte sich an ihn. Ein langer, trotziger Blick traf Hannelore bis ins Mark.

   Draußen fuhr ein Wagen vor, eine Tür klappte und ein Mann im schwarzen Anzug betrat die Amtsstube. Der Polizeibeamte sprang auf und riss die Hand zum Gruß hoch. „Heil Hitler!"

   „Rühren", sagte der Mann. Dann wandte er sich der Fensternische zu. „Hallo, Wolf. Was hast du da bloß angestellt."

   Wolf war so heftig aufgestanden, dass er Freya zur Seite gestoßen hatte. Jetzt stand er bleich wie die Wand dem Mann gegenüber. „Herr Ober..."

   Der Mann hob die Hand. „Keinen Dienstgrad, keinen Namen bitte." Er deutete auf seinen Anzug. „Ich bin privat in Danzig." Er betonte das Wort „privat".

   Wolf nickte und schluckte.

   Der Mann wandte sich Hannelore zu. „Frau von Treuchthaus, nehme ich an?" Er hob Hannelores Hand und hauchte einen Kuss auf den Rücken. „Ich kannte Ihren Mann. Tragische Sache das, damals. Und das ist Ihr Sohn, wie ich annehme." Er nickte Friedrich zu.

   „Und dort drüben sitzt meine Tochter." Hannelore deutete auf Freya.

   „Ah ja." Ein Nicken auch zur anderen Bank. „Um die Sache zu vereinfachen, schlage ich vor, Sie alle nennen mich Lehmann." Dann sah er Hannah an. „Und wen haben wir hier? Eine Jüdin?" Er beugte sich vor und drehte mit zwei Fingern das gelbe Sternabzeichen an Hannahs Kragen hin und her. „Es war dein Vater, der zu Tode gekommen ist. Habe ich Recht?"

   Hannah nickte, ohne aufzusehen.

   „Und du bist der Verantwortliche, hat man mir gesagt." Lehmann richtete sich wieder auf und lächelte Wolf an.

   Wolf nickte. Hannelore wartete darauf, dass auch sein Adamsapfel wieder tanzte. Es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.

   „Kannst du mir sagen, wie das geschehen konnte?", fragte Lehmann freundlich.

   „Es war ..." Wolf räusperte sich und holte tief Luft. „Schuld war der da." Er deutete auf Friedrich. „Er provoziert mich, wo er nur kann. Und als er vor mir weglief, stand der Jude im Weg. Ich habe ihn nur kurz mit meinem Stock berührt und schon fiel der Gelbstern tot um."

   Lehmann verschränkte die Arme und legte einen Zeigefinger an seine Lippen. „War es wirklich so?", fragte er schließlich.

   „Ganz bestimmt, so war es. Fragen Sie Freya, die kann das bestätigen."

   Freya nickte heftig.

   „Entschuldigen Sie, Herr Lehmann", auch Friedrich war aufgestanden und schüttelte Hannelores Hand ab, die ihn wieder auf die Bank ziehen wollte. „Ganz so war es nicht. Wolf benutzt einen Stock mit Elektroschock. Und sie sollten ihn fragen ..."

   Doch Lehmann winkte ab. „Später. Jetzt zeig mir deinen Stock, Wolf."

   Wolf deutete zu dem Polizeibeamten hinüber. „Der da hat ihn."

   Lehmann ging zur Sperre und nahm den Schlagstock entgegen. Er musterte ihn, drückte auf den Knopf am Schaft, berührte versuchsweise den Heizkörper damit. Blaue Funken sprühten, es knisterte und roch nach Ozon. Lehmann lächelte Wolf an. „Ein wirksames Instrument, sehr schön."

   Wolf entspannte sich sichtlich.

   „Also gut." Lehmann kam zurück. „Sie werden jetzt hier warten. Ich werde kurz mit dem Beamten sprechen und komme gleich wieder." Ohne eine Antwort abzuwarten drehte er sich um.

   Wolf sank zurück auf die Bank.

   „Woher kennst du den denn?" zischte Freya.

   Wolf wischte sich mit der Hand über den Schädel. „Aus Berlin", murmelte er.

   „Gestapo?" Freya war sichtlich beeindruckt.

   Friedrich raunte Hannelore zu: „Was hat Wolf denn mit der Gestapo zu tun? Und dann gleich mit einem so hohen Tier?"

   Hannelore begann, sich ernsthaft weit fort zu wünschen. Was hatten sie hier zu suchen? Gestapo, tote Juden, Polizei. Sie hatte sich ihr Leben lang aus solchen Dingen herausgehalten. Sie sehnte sich nach der Geborgenheit des Lebensbornheims. Die größte Gefahr dort waren Unannehmlichkeiten wie platzende Heizkessel oder überlaufende Waschmaschinen und um die kümmerte sich der Hausmeister.

   Lehmann kam zurück, ein paar Papiere in der Hand. „Ich halte es für besser, wenn wir unser Gespräch an einem weniger öffentlichen Ort weiterführen", sagte er.

   Er führte sie einen Gang hinunter in einen Raum, der außer Stühlen und einem Tisch nichts enthielt. Er selbst setzte sich hinter den Tisch und legte die Papiere vor sich. Hannelore kam sich immer mehr vor wie ein armer Sünder.

   Lehmann stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte die Fingerkuppen zur Spitze eines Dreiecks zusammen. Lange sah er von einem zum anderen, von Hannelore, der es immer unbehaglicher wurde, zu Friedrich, der eher interessiert umherschaute, weiter zu Wolf, der seine Unsicherheit ziemlich überwunden hatte, und Freya, die sich nach wie vor an ihn lehnte, und schließlich zu Hannah, die immer noch dasaß, als wolle sie sich am liebsten zu einem unsichtbaren Ball zusammenrollen.

   „Lassen Sie mich eines klarstellen", sagte er, „nicht nur Wolf, Sie alle sind für diese Angelegenheit verantwortlich, der eine mehr, der andere weniger. Sie", er deutete auf Friedrich und Hannelore, „haben sich an einem Ort aufgehalten, an dem Sie nichts zu suchen haben. Du", sein Zeigefinger wanderte zu Wolf, „hast mit deinen Freunden kein Verhalten eines Herrenmenschen gezeigt, sondern dich benommen wie ein unreifer Jüngling. Und du", jetzt wurde seine Stimme schneidend und sein Finger schien Hannah aufspießen zu wollen, „hast den Tod deines Vaters verschuldet."

   „Was?" Friedrich sprang auf. Einen Augenblick krümmte er sich und wurde blass. Aber er nahm sich zusammen. „Wie können Sie so etwas behaupten, Herr Lehmann? Sie hat doch am allerwenigsten damit zu tun."

   „Ach, ist das so?" Die Hände bildeten wieder die Spitze des Dreiecks. „Dann will ich Ihnen mal etwas sagen, Herr von Treuchthaus: Die da ist nicht so unschuldig, wie sie tut. Sie hat sich an Ihren Vater herangemacht." Er machte eine kleine Pause und fixierte abwechselnd Hannelore und Friedrich. „Sie hat Ihren verstorbenen Vater, Ihren Mann, Frau von Treuchthaus, solange bedrängt, bis er einen Herzschrittmacher für diesen toten Juden beschaffte. Ein wertvolles medizinisches Gerät, das einem Arier das Leben hätte verbessern können, wurde an einen Juden verschwendet. Und mit welchen Mitteln sich Frauen wie sie Vorteile zu verschaffen suchen, brauche ich Ihnen ja wohl nicht erläutern."

   Hannelore beugte sich vor und sah Hannah an. „Mein Gott, das war in dem Jahr, als er starb", murmelte sie. „Rüdiger stellte plötzlich Fragen über ..."

   „Sei still", zischte Friedrich über die Schulter und ging einen Schritt auf den Tisch zu. „Wollen Sie etwa unterstellen, Herr Lehmann, dass mein Vater ..."

   Lehmann lehnte sich zurück. „Ich unterstelle gar nichts, junger Mann. Ich stelle nur fest."

   „Aber ..."

   Doch Friedrich konnte nicht mehr aussprechen, was er sagen wollte. Wolf langte an Freya vorbei und boxte Hannah die Faust in die Seite. „Einen Herzschrittmacher, du blöder Gelbstern! Du bist Schuld. Man sollte dich ins Arbeitslager ..."

   „Wolf, es reicht", sagte Lehmann leise.

   Wolf fiel wieder in sich zusammen.

   „Nun ja", Lehmann blätterte in den Papieren, „ah ja, Hannah Rosenthal. Weißt du, Hannah Rosenthal, Wolf hat Recht. Ich kann dich dafür nach Auschwitz schicken." Er blickte wieder in die Aufzeichnungen. „Ich sehe hier, du bist Lehrerin. Da würde dir die Arbeit dort nicht gerade leicht fallen."

   Hannah richtete sich kerzengerade auf. „Nach Auschwitz?", flüsterte sie.

   „Nun, nun, so schlimm ist es auch nicht. Wir bringen dort niemanden um. Über den Eingängen steht nicht ‚Tod macht frei', sondern ‚Arbeit macht frei'. Wie unser Großer Führer sagte: Ein toter Jude kann dem deutschen Volk nicht mehr nützlich sein."

   Friedrich setzte sich wieder. „Viele überleben dort aber nicht", murmelte er.

   Lehmann lächelte ihn an. „Leider, junger Mann, aber Unfälle sind nun mal nicht zu vermeiden."

   Hannelore fasste sich ein Herz. „Heißt das, dass", sie räusperte sich, „dass die Jüdin nur dafür ins Arbeitslager geschickt wird, weil sie sich um die Heilung ihres Vaters gekümmert hat?"

   Hannah hob die Hand. „Bitte, darf ich etwas sagen?"

   Lehmann sah sie ausdruckslos an, dann nickte er.

   „Ist es nicht so, Herr Lehmann, dass man Angehörigen von Ariern keine medizinische Hilfe verweigern darf?" Hannah holte tief Luft und reckte das Kinn vor. „Ich habe mich damals an Herrn von Treuchthaus gewandt, weil ich wusste, dass er mein Stiefvater war. Frau von Treuchthaus ist meine Mutter. Das möchte ich zu Protokoll geben."

   Für einen langen Augenblick herrschte Stille.

   Freya brach sie. „Oh Mann!" Es hielt sie nicht mehr auf ihrem Stuhl. „Das ist ja nicht zu fassen! Der Gelbstern behauptet im Ernst, mit uns verwandt zu sein?" Sie trat Hannah vor das Schienbein. „Ich habe keine jüdische Schwester, dass du es weißt. Meine Mutter würde sich nie mit einem von euch einlassen."

   „Setzen Sie sich!" donnerte Lehmann und Freya fiel erschrocken auf den Stuhl zurück. Lehmann wandte sich an Hannelore. „Überlegen Sie sich, was Sie jetzt sagen, Frau von Treuchthaus."

   Friedrich nahm Hannelores Hand und drückte sie. Sie sah ihn an. Er versuchte, ihr mit den Augen eine Botschaft zu senden, aber sie verstand nicht.

   „Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Hannelore blickte zu Lehmann hinüber. Was wollte er hören. Sie wusste gar nichts mehr. Was stand in den Papieren dort? Und wieso kümmerte sich die Gestapo um einen simplen Unfall? „Ich verstehe das alles nicht", sagte sie.

   Lehmann lehnte sich zurück und legte wieder den Finger an die Lippen. Das schien er immer zu tun, wenn er ein Problem bedachte. „In Ordnung", sagte er schließlich. „Ich werde Ihnen, Frau von Treuchthaus, etwas erklären müssen." Er winkte in Richtung Tür. „Doch nur unter vier Augen. Die anderen gehen bitte hinaus, ich werde Sie wieder rufen."

   Friedrich drückte noch einmal Hannelores Hand, bevor er aufstand. „Hilf ihr, Mama, hilf Hannah", raunte er.

   Hannelore sah ihm nach, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

   Lehmann rührte sich nicht. Er schaute Hannelore an, den Finger immer noch an den Lippen. Hannelore hatte nicht geglaubt, dass ihr Unbehagen sich noch steigern ließe, aber dieser Blick trieb ihr Schweiß auf die Stirn. Was tat sie hier? Sie war Arierin, hatte dem Führer sieben Kinder geboren, war Mutterkreuzträgerin, Schriftstellerin. Wie war es möglich, dass sie sich unter den Augen eines Gestapo-Inquisitors wand wie ein Wurm? Sie nahm sich zusammen und sah Lehmann gerade ins Gesicht.

   Starren konnte sie auch.

   „Was wissen Sie über ihre Tochter Sigrun?" fragte Lehmann so plötzlich, dass sie zusammenfuhr.

   „Sigrun?" Damit hatte sie nun gar nicht gerechnet. „Was hat Sigrun mit dem allen hier zu tun?"

   „Nun ja", das spitze Dreieck war wieder da, „ich bin ihretwegen in Danzig."

   Hannelore sagte nichts, sie wusste nicht, was.

   Lehmann stand auf und begann herumzuwandern. „Was ich Ihnen jetzt sage, ist nur für Sie bestimmt. Sie wissen, dass Sigrun in Berlin bei der Gestapo arbeitet. Nun ist es so, dass wir niemanden in unseren Reihen gebrauchen können, bei dem irgendein Zweifel an der Treue gegenüber Führer und Reich besteht. Deshalb überprüfen wir jeden, der in den inneren Kreis aufgenommen werden soll. Wir studieren Berichte und Dossiers über jeden Angehörigen und wir entsenden Kundschafter, die uns Auskunft über die Charaktere der Familienmitglieder geben sollen. In Danzig hat diese Aufgabe Wolf übernommen." Lehmann blieb stehen. „Ihr Sohn Friedrich hat sich nicht gerade einen guten Leumund verschafft. Er führt gefährliche Reden, Frau von Treuchthaus", sagte er sanft. Dann zog er ein Päckchen Zigaretten hervor. „Stört es Sie, wenn ich rauche?"

   Nachdem die Zigarette brannte, fuhr er fort: „Ich komme jetzt zu Ihrem Dossier, Frau von Treuchthaus. Was hier und heute geschehen ist, lässt einige etwas undurchsichtige Dinge darin in einem ganz neuen Licht erscheinen." Er beugte sich vor und bohrte seine Augen in Hannelores. „Wo zum Beispiel waren Sie im Winter Neunundsechzig-Siebzig?"

   Hannelore spürte, wie sich ihr Blut aus dem Kopf zurückzog. „In Italien", sagte sie automatisch. Ich fror und langweilte mich zu Tode auf dem Dachboden, während das Kind in mir heranwuchs.

„In Italien, aha." Lehmann streute die Asche auf den Boden und betrachtete einen Augenblick das kleine Häufchen. „Ich werde Sie nicht fragen, wo genau Sie sich in Italien aufhielten." Wieder der bohrende Blick. „Wie hieß der Hausbursche, der im April nach jenem Winter so plötzlich aus dem Haus Ihrer Eltern verschwand?"

   Jetzt kroch die Röte Hannelores Hals hinauf. Woher wusste Lehmann das alles? „Daran kann ich mich nicht erinnern." Samuel mit dem Kind im Arm. Der Vater brachte beide zurück ins Schtetl. Ob Hannah immer noch die goldenen Flecken in den Augen hat?

   Mit zwei Schritten war Lehmann heran und stützte sich rechts und links auf die Armlehnen von Hannelores Stuhl. Sein Gesicht berührte fast ihres. „Seien Sie gewarnt, Frau von Treuchthaus. Sollte irgendetwas von diesen Geschichten bekannt werden, hätte das Folgen für ihre Kinder, für alle. Noch gehören sie zur Elite des Reichs, aber mit einer jüdischen Schwester ..." Er richtete sich auf. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, was das bedeutet. Keine Karrieren, keine Vergünstigungen. Denken Sie daran."

   Hannelore war übel. „Bitte, ich möchte in den Waschraum", sagte sie.

   Lehmann nickte. „Gehen Sie. Aber kommen Sie schnell zurück, sonst lasse ich Sie holen."

   Sie beeilte sich hinauszukommen.

   Vor der Tür wartete Friedrich. Er verstellte ihr den Weg „Hast du es zugegeben?" flüsterte er. „Bitte sag, dass du es getan hast."

   Hannelore schüttelte den Kopf.

   „Dann wirst du es tun, Mama, nicht wahr?"

   Hannelore wollte sich an ihm vorbeidrängen.

   Er packte sie am Arm. „Mama! Du kannst sie doch nicht hängen lassen. Auschwitz, Mama. Wenn du ihr nicht hilfst, ..."

   Hannelore streifte seine Hand ab. „Nicht jetzt." Sie machte, dass sie in den Waschraum kam. In einer der Kabinen setzte sie sich und legte den Kopf an die Seitenwand.

   Was sollte sie nur tun? Hannah war ihre Tochter. Hannah mit den goldenen Flecken in den Augen. Hannelore hatte sie gesehen, vorhin. Hannah in Auschwitz. Oh mein Gott.

   Und Sigrun, Gertrud, Volker, Gerhard, Brunhild, Freya? Und Friedrich mit seinem Traum vom Weltall? Sieben Kinder, sieben Erwartungen, sieben Leben. Würden sie es verstehen? Konnten sie es verstehen?

   Würde Hannah in Auschwitz umkommen?

   Die Tür klappte. „Mutter, bist du hier?" Freya. Würde Freya beschützt im Lebensbornprogramm ihre Kinder zur Welt bringen dürfen?

   „Ich bin hier", sagte Hannelore.

   „Mutter, kann ich mit dir reden?"

   Hannelore wünschte, sie hätte noch ein paar Minuten. Sie seufzte und stand auf.

   „Hat sie Recht, Mutter?" fragte Freya, kaum dass Hannelore die Kabine verlassen hatte. „Friedrich sagt, sie ist unsere Schwester. Ist sie das, Mutter?"

   Hannelore ging zum Waschtisch und drehte das Wasser auf. Seien Sie gewarnt, Frau von Treuchthaus. Hannelore hielt ihre Handgelenke unter den kalten Wasserstrahl.

   „Hat sie Recht, Mutter?"

   Die Tür klappte wieder. Hannah. „Verzeihen Sie", murmelte sie und verschwand in einer Kabine.

   Freya warf die Arme in die Luft. „Oh verdammt!" Sie stürmte hinaus.

   Hannelore drehte das Wasser ab und zog sich ein Handtuch aus dem Spender. Wasser rauschte in der Kabine und Hannah kam wieder heraus. „Verzeihen Sie", murmelte sie noch mal und schlüpfte an Hannelore vorbei zu den Waschbecken.

   „Woher hattest du vorhin den Mut?" Hannelore selbst erschrak über diese Worte.

   Hannah fuhr hoch.

   Da sind sie wieder, die goldenen Flecken. Wieder hatte Hannelore den Duft der zarten Babyhaut in der Nase, vermischt mit Kampfer und Holzschutzmittel. Minutenlang stand sie da und verlor sich in den Augen ihrer Tochter. Wie damals, vor einunddreißig Jahren.

   „Bitte", sagte Hannah beschwörend, „bitte, Frau von Treuchthaus – Mutter –, bitte, lassen Sie mich nicht dorthin gehen." Sie hob die Hand, um Hannelore zu berühren, aber dann überlegte sie es sich anders. Sie schob sich um Hannelore herum und ging schnell hinaus.

   Hannelore sank auf die nächstbeste Sitzgelegenheit, einen Heizkörper, dessen Rippen sich schmerzhaft in ihr Fleisch bohrten. Sie spürte es nicht.

   Da war sie nun und hatte die Wahl, ihr erstes Kind ins Unglück zu schicken oder ihren sieben anderen Kinder die Zukunft zu nehmen. Was sollte sie tun?

   Sie sah Samuel wieder, wie er sie damals angelächelt hatte. Sie war siebzehn gewesen.

   Für was, Samuel? Für ein Kind, das ich nie kennen durfte und das jetzt noch nicht mal sein Leben zu Ende leben darf?

   Und sie sah Rüdiger. Warum nur hast du geschwiegen, Liebster?

   Und sie sah Friedrichs Mienenspiel, seinen Verdacht, seine aufkeimende Scham und wie sich die Liebe zu ihr aus seinen Augen zurückzog.

   Was um Himmels Willen sollte sie tun?

   Freya steckte den Kopf zur Tür herein. „Kommst du, Mutter? Lehmann wartet."

 

© Cathrin Block



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