Der Vierzigste

von Cathrin Block

Natürlich war Charlotte aufgeregt, so wie immer. Den Rest des Jahres konnte sie verdrängen, wie unwohl sie sich fühlte, wenn sich die ganze Familie ansagte. Ihrer Schwester ging sie normalerweise aus dem Weg – worin sie mittlerweile reichlich Übung besaß – und ihre Eltern verhielten sich ihr gegenüber viel weniger kritisch, wenn sie zu ihnen fuhr, anstatt sie bei sich zu empfangen. Nur einmal im Jahr musste sie alle einladen, zum Geburtstagskaffee. Etwas anderes brauchte sie gar nicht erst zu versuchen. Die Mutter würde nur ihr trauriges Lächeln aufsetzen und mit schwankender Stimme kundtun: „Wenn du es denn so willst, meine Liebe.“ Der Vater würde gar nichts sagen und die Schwester wäre so direkt wie immer: „Willst dir wohl wieder mal keine Arbeit machen, was?“ Und dann würde sie bei nächster Gelegenheit einladen und alles auffahren, was Küche und Geldbeutel hergaben.

   Nervös ging Charlotte noch einmal hinaus in den Garten. Zum Glück spielte wenigstens das Wetter mit. Auch jetzt, Ende September, beschenkte Petrus die Welt noch einmal mit einem klaren, warmen Spätsommertag. Hummeln summten über das kurzgeschorene Gras, eine leichte Brise ließ die Blätter des Kirschbaums rascheln und es duftete herb nach den Astern, die verschwenderisch blühend den Rasen säumten.

   Sie hatte den Tisch im Schatten des Kirschbaums aufgestellt und natürlich die Damasttischdecke herausgeholt, die sonst ganz unten in der Wäscheschublade schlummerte. Doch als sie sie diesmal über die Tischplatte breitete, entdeckte sie zu ihrem Schrecken zwei kleine Mottenlöcher. Und es war zu spät, etwas dagegen zu unternehmen. Sie konnte das Malheur nur unter dem neuen, roten Tischläufer verstecken. Der allerdings passte nicht zu dem Service von Tante Erna, das mit dem Goldrand und den violetten Streublümchen, aber wirklich schlimm fand Charlotte das nicht. Aus ihren schlichten, weißen Tassen schmeckte der Kaffee genauso gut und sie konnte wenigstens danach den Geschirrspüler benutzen, anstatt alles mühevoll mit der Hand abzuwaschen.

   Drinnen im Haus erklang der Türgong. Sie waren da. Schnell rückte sie noch zwei Kuchengabeln und eine Serviette zurecht, dann beeilte sie sich, die Tür zu öffnen.

   „Wo bleibst du denn so lange, Kind“, sagte die Mutter als Erstes, ehe sie ihre Tochter in den Arm nahm und ihr „Herzlichen Glückwunsch“ ins Ohr säuselte. Vater drückte ihr einen voluminösen Blumenstrauß in die Hand, in die andere das zusammengeknüllte Papier. Die Schwester grinste, drängte sich an allen vorbei in den Hausflur und drehte kurzerhand die Pseudo-Mingvase um, sodass ein Schlüsselbund, abgerissene Knöpfe, zwei Streichholzschachteln und ein paar Münzen über die Platte der Flurkommode rollten. „Ich mach das schon“, sagte sie, ganz die Hausfrau, und nahm Charlotte die Blumen aus der Hand. Wie immer in solchen Momenten fühlte Charlotte sich nicht mehr zuhause in ihrem eigenen Heim.

   „Ich habe im Garten gedeckt“, sagte sie und hieß mit einer Handbewegung die Eltern im Haus willkommen. „Geht doch schon mal voraus, ihr kennt ja den Weg. Ich hole nur noch den Kuchen und die Kaffeekanne.“

   „Hoffentlich gibt es hier nicht so viele Mücken und Wespen“, sagte die Mutter und machte sich auf den Weg zu Wohnzimmer und Tür zur Terrasse.

   Die Schwester hatte die Vase inzwischen auf den Couchtisch gestellt, wo sie sicher einen feuchten Rand hinterließ, aber Charlotte wagte nicht, das Arrangement zu ändern. Sie konnte auf bissige Kommentare der Schwester durchaus verzichten. Stattdessen nahm sie die Platte mit der selbst gebackenen Beerentorte, brachte sie hinaus und stellte sie mitten auf den Tisch. Dann ging sie zurück, um die Kaffeekanne zu holen. Doch der nächste Satz ihrer Schwester stoppte sie beinahe. „Siehst du, Mama“, sagte die, „ich habe es dir ja prophezeit. Sie hat wieder Cremetorte gebacken, wahrscheinlich aus der Tüte, wie immer. Sie nimmt einfach keine Rücksicht darauf, dass andere nicht so fett essen dürfen wie sie, wenn sie die Figur halten wollen.“ Bloß schnell rein, beschloss Charlotte, und so tun, als habe man nichts gehört.

   In der Küche holte sie ein paar Mal tief Luft. „Du bist jetzt vierzig, verdammt noch mal“, sagte sie laut zu sich selbst. „Du hast ein eigenes Haus und einen guten Job. Wieso lässt du dich behandeln wie ein kleines, dummes Kind? Wenn die beiden blöden Kühe keine Cremetorte mögen, hätte sie ja nicht kommen müssen, oder?“ Sie griff nach der Kaffeekanne und machte sich deutlich weniger nervös auf den Weg nach draußen. Unterwegs hielt sie an, trug die Vase zum Esstisch mit der Glasplatte und wischte den feuchten Ring auf dem Couchtisch mit dem Ärmel trocken. Dann straffte sie sich und war bereit, sich ihrer Nemesis zu stellen.

   „Warum hast du nicht das schöne Geschirr von Tante Erna aufgedeckt?“, empfing sie ihre Mutter.

   „Weil es nicht zu dem roten Läufer passt und weil ich es mit der Hand abwaschen muss.“

   Natürlich reagierte die Mutter beleidigt. „Na ja, wenn du es so siehst, meine Liebe.“ Doch diesmal brachte sie Charlotte damit nicht aus der Fassung.

   „Ich finde diesen Läufer hässlich“, sagte die Schwester.

   Alle schraken zusammen, als die Hand des Vaters so heftig auf die Tischplatte schlug, dass die Tassen klirrten. „Mein Mädchen ist vierzig!“, verkündete er mit deutlichem Grollen in der Stimme. „Es wird Zeit, dass ihr beide lernt, das zu respektieren. Und wenn es euch hier in diesem wunderbaren Garten nicht gefällt, hättet ihr schließlich nicht mitkommen müssen.“ Dann hielt er Charlotte seinen Teller entgegen. „Und jetzt möchte ich ein großes Stück von diesem köstlichen Kuchen. Aber den beiden da brauchst du nichts zu geben. Du hast es ja gehört, sie müssen auf ihre schlanke Linie achten, und zwar viel mehr als du.“

   Die Schwester und die Mutter starrten ihn sprachlos an, aber Charlotte legte ihm grinsend ein üppiges Tortenstück auf den Teller. Das hatte er sich wirklich verdient.

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