Going to Bill

von Cathrin Block

Sie kennt ihn nur vom Foto – und durch seine E-Mails. Sie mag, wie er schreibt, so warmherzig und offen. Inzwischen weiß sie alles über seinen Sohn, der bei ihm lebt, und über seine Frau, mit der es schwierig ist, auch jetzt, nach der Trennung. Und sie mag sein Lächeln auf dem Foto. Doch telefoniert haben sie nur einmal, das war seltsam gewesen. Seine hohe Stimme und die fremde Sprache ... Das Gespräch war schnell zu Ende gegangen und mehr als über das Wetter hatten sie nicht geredet.

   Doch jetzt sitzt sie in ihrem Auto und reißt Kilometer um Kilometer ab – Meile um Meile, würde er sagen. Neben der Beifahrerseite drehen sich LKW-Reifen, die fast so hoch sind wie ihr kleiner Wagen. Sie hat es eilig, der Platz auf der Fähre ist gebucht.

   In Venlo macht sie kurz Rast, bei Rotterdam sind die drei Fahrspuren voll mit LKWs, aber kaum hat sie Rotterdam passiert, ist die Autobahn frei. Das Schild, das sie in Frankreich begrüßt, sieht sie gerade noch aus den Augenwinkeln.

   Eine Viertelstunde von Abfahrt des Hovercraft biegt sie in den Hoverport bei Calais ein. Geschafft. Die Formalitäten sind kurz und endlich kann sie sich bei einem Glas Apfelschorle im Fahrgastraum des Schiffes entspannen. Es gibt sogar so etwas wie Stewardessen, obwohl die Überfahrt nur eine halbe Stunde dauert.

   In Dover muss sie plötzlich links fahren. „Aufpassen, aufpassen", sagt sie leise immer wieder. Auf was für ein Abenteuer hat sie sich da eingelassen? Sie sieht schlecht, der Fahrersitz ist auf der falschen Seite und ihr fehlt der Überblick, besonders, wenn es in eine Linkskurve geht. Hinter der Hafenausfahrt ist gleich ein Kreisel. Immer schön links herum.

   Reifen quietschen.

   Sie hat den anderen nicht gesehen, zur falschen Seite geschaut. Doch offenbar sind die Leute aus Dover tölpelhafte Fahrer vom Kontinent gewöhnt. Nichts ist passiert und der andere grinst sie nur an. Ihr ist es furchtbar peinlich.

   Dann fährt sie auf engen Straßen die Küste entlang auf der Suche nach Bed and Breakfast. In Deal wird sie fündig. Gott sei Dank. Ihr Kopf schmerzt und ihr Rücken. Es tut gut, die Tasche aus dem Auto zu nehmen und es für die Nacht abzuschließen. Und zu wissen, wo man schlafen kann.

    Nachdem sie ihre Tasche im Zimmer deponiert hat, will sie noch ein paar Schritte laufen. Beine vertreten.

   Deal ist unübersehbar ein Badeort, aber anders als alle Badeorte, die sie kennt. Auf der einen Seite der Straße kommt Licht aus den Fenstern der Häuser und von den Straßenlaternen, die andere Seite ist dunkel, dort ist das Meer. Sie wartet eine Lücke im Verkehr ab und geht hinüber. Seltsame Engländer. Wenn sie Stadtplaner wäre, würde sie niemals Autos direkt am Strand entlangbrausen lassen. Sanft plätschern kleine Wellen auf den Kies, doch der Verkehr übertönt sie. Und die würzige Luft hat den Beigeschmack von Abgasen.

   Sie geht zurück und sucht sich einen Pub. „Englisches Ale muss ungekühlt sein und randvoll eingeschenkt", hat Bill ihr erklärt. Wie sagt Obelix immer? Die spinnen, die Briten. Doch sie will es ausprobieren. Außerdem hat sie Hunger.

   Im Pub wird ihr ein fader Pie aufgetischt, der lediglich den Magen füllt. Was für ein Klischee! Und auch an das Ale muss man sich gewöhnen. Sie trinkt das Glas aus und bestellt sich ein zweites. Die erste Etappe ist geschafft.

   Wie wird er sein, der Bill? Sie dreht das Glas in ihren Händen und lauscht den fremden Satzfetzen um sich herum. E-Mails schreiben ist etwas anderes als Zuhören, beim Schreiben hat sie ein Wörterbuch und Zeit. Und sie muss nicht mit einem Dialekt kämpfen. Aber hier und da versteht sie doch etwas, das macht sie stolz.

   Wie wird er sein, der Bill? „Mein Bill", denkt sie vorsichtig, aber dann ruft sie sich zur Ordnung. Für „mein Bill" ist es noch viel zu früh.

   Am nächsten Tag trödelt sie. Sie hat es nicht eilig. Bill erwartet sie erst morgen. Akklimatisieren hat sie das bei sich genannt, als sie die Fähre einen Tag früher buchte. Sie will erst noch ein bisschen vom Land und den Leuten sehen.

   Das Frühstück ist wundervoll, noch ein Klischee. Es gibt Flakes und einen großen Teller voll mit gegrillten Tomaten, Baked Beans, Spiegelei, gebratenem Speck, Champignons und Schweinswürstchen. Sie schwelgt, auch wenn sie die Würstchen in Zukunft nicht mehr nehmen wird, sie schmecken ihr zu sehr nach Eber. Aber der Rest ist köstlich, ebenso wie die Orangenmarmelade, die es danach noch zum Toast gibt. Wie gut, dass sie genügend Tee zum Herunterspülen hat. Und das Treffen ist erst morgen, zum Glück. Heute will sie noch nicht daran denken, auf was sie sich da eingelassen hat.

   Sie fährt Richtung Süden. Mittags macht sie Rast in Rye und entdeckt ein Schild, das die Stadt als Weltkulturerbe ausweist. Das muss sie sich ansehen. In einem Laden kauft sie eine Touristenbroschüre in Deutsch, die erklärt, dass das Stadtbild seit dem Mittelalter fast unverändert ist. Doch am meisten wird darin über einen Fleischergesellen berichtet, einen üblen Menschen, der vor urlanger Zeit eines Nachts den Schwiegersohn des Bürgermeisters im dunklen Park gemeuchelt hat. Man zeigt in der Festung, die über der Stadt thront, offenbar noch heute die Zelle, in die er damals eingelocht wurde. Und als sie durch die wirklich malerischen Gassen schlendert, entdeckt sie in vielen Schaufenstern Fotos, die belegen, dass sein skelettierter Kopf noch immer in einem Eisenkäfig auf dem Dachboden des Rathauses aufbewahrt wird. Die Engländer, zumindest die in Rye, müssen ein morbides Volk sein.

   Ist Bill auch so seltsam? Ein mulmiges Gefühl beschleicht sie, als sie weiterfährt. Aber dann beruhigt sie sich. Eine Woche, das wird sie in jedem Fall aushalten.

   Abends findet sie in Hastings ein schmuckes Haus mit dem Bed-and-Breakfast-Schild. Der Wirt ist sichtlich angetan von ihr. Er serviert ungefragt einen sauren Wein und sagt, dass er Nemed heißt, Inder wahrscheinlich. Dann bekommt sie seine Lebensgeschichte zu hören, dass er keine Kinder kriegen kann, weil er kein Sperma hat – das sagt er wirklich –, dass ihn seine Frau verlassen hat und dass er jetzt auf der Suche nach einer neuen ist, am besten gleich mit einer Schar von Kindern dabei. „Do you have children?", fragt er. Sie flüchtet in die Stadt.

   Sie wandert am Meer entlang, um den East Hill herum, der die Stadt in zwei Hälften teilt und nur eine schmale Straße zwischen sich und dem Meer frei lässt. Weil es keinen Hafen gibt, schieben rostige Bulldozer am Strand Fischerboote ins Wasser oder ziehen sie wieder heraus. Und überall stehen die dunklen, quadratischen Holztürme, in denen die Netze getrocknet werden.

   Sie läuft durch romantische Gässchen, den Abhang des East Hill hinauf und wieder hinunter. Schließlich setzt sie sich in einen Pub am Strand und trinkt ein Ale. Dann noch eins. Sie wartet, dass sie zu müde wird, um aufgeregt zu sein. Morgen wird sie nach Bath fahren, zu Bill. Als sie zum Boarding House zurückkehrt, ist sie froh, dass der Wirt nirgends zu sehen ist.

   Am nächsten Morgen ist er wieder um sie herum, als sie früh­stückt. Und offenbar hat er keine Lust, sich in die Küche zu stellen und üppig aufzufahren. So bekommt sie nur Toast mit Marmelade. Ihr ist es recht, umso schneller kommt sie von ihm weg – und von seinen Geschichten über fehlendes Sperma und undankbare Frauen.

Obwohl sie noch nicht losfahren möchte.

   Sie überlegt, ob sie noch einen Abstecher nach Brighton machen soll. Sie hat früher alle Regency-Romane von Georgette Heyer verschlungen und wollte schon immer den Pavillon sehen, den sich der damalige Prinzregent hat bauen lassen. Doch dann entscheidet sie sich anders. Das Treffen hinauszuschieben macht es nicht besser. Entschlossen biegt sie auf die Straße nach Nordwesten ein und erreicht bald die Autobahn.

   Bath ist eine sandfarbene Stadt. Alle Häuser sind aus dem gelben Stein errichtet, den man gelegentlich auch an modernen Fassaden sieht. Sie hält an einer Stelle, an der sie einen wundervollen Überblick hat. Die Häuser bedecken die Hänge rechts und links eines Flusses. Irgendwo da unten wohnt Bill.

   Sie steht lange und atmet die Luft. Es ist ein sonniger Tag mit harmlosen weißen Wolken, die gemächlich über den Himmel segeln. Vielleicht sollte sie noch einen Tee trinken, ehe sie Bill anruft und sagt, dass sie da ist.

   Über eine breite Hauptverkehrstraße fährt sie hinein in die Stadt. Inzwischen hat sie sich an das Linksfahren gewöhnt und auch an die allgegenwärtigen Kreisel. Sogar an einfachen Einmündungen hat man einen weißen Klecks mitten auf die Straße gemalt, auch das ein Kreisverkehr.

   Unten im Tal angekommen findet sie einen Parkplatz in der Nähe der Pulteney Bridge. Sie erkennt sie sofort. Bill hat ihr mal ein Foto geschickt, angestrahlt bei Nacht und über dem Fluss wie eine Brücke in Venedig voller Läden rechts und links. Sie bleibt einen Augenblick stehen und bewundert den Anblick, der auch bei Tag eindrucksvoll ist.

   Neben der Brücke führt eine schmale Treppe hinunter ans Ufer. Unten rauscht das Wasser über drei flache, hufeisenförmige Stufen eines Wehrs. Und, o Wunder, es gibt ein Café in einem alten Gewölbe mit kleinen Tischen draußen und mit Kuchen, der wie selbstgebacken aussieht. Noch eine kleine Atempause, ehe sie anruft.

Sie sitzt und lauscht dem stetigen Rauschen. Der Pecannusskuchen, den sie sich bestellt hat, schmeckt herrlich und der Tee natürlich auch. Ein paar Enten und ein Schwan ziehen vorüber, am anderen Ufer kommen und gehen die Busse für die Stadtrundfahrt.

   Was, wenn Bill auch so morbide Neigungen hat wie die Leute in Rye? Oder so klammert wie der Wirt in Hastings? Und vielleicht mag er ja auch kein vernünftiges Essen, sondern nur so etwas wie den schrecklichen Pie in Deal. Wer weiß denn schon wirklich, wie die Engländer sind?

   Und sie kennt Bill doch gar nicht. Sie fand es nur schick, mit einem Ausländer zu korrespondieren, dazu in einer fremden Sprache.

   Der Kellner kommt und fragt, ob sie noch etwas möchte. Sie bestellt noch einen Tee. Nach so viel Tee kann sie bestimmt heute Nacht nicht schlafen.

   Und Bill hatte eine so merkwürdige Stimme am Telefon damals.

   Sie könnte auch die Tour durch England ausdehnen. Cornwall soll wunderschön sein, besonders jetzt im Mai. In einer Woche kann sie eine ganze Menge sehen, vielleicht sogar bis Lands End kommen. Sie kann nach Bed and Breakfast suchen. Aber nicht in Bath. Es ist erst Nachmittag, ein paar Kilometer kann sie noch fahren.

   Ihr Handy klingelt.

   Sie zieht es aus der Tasche. „Bill" steht auf dem Display. Sie hat ihn vorsichtshalber eingespeichert für die Fahrt. Sie hält das Telefon einen Augenblick in der Hand, doch dann drückt sie auf den Knopf mit dem grünen Hörer.

   „Hi dear", sagt er. Seine Stimme ist gar nicht so hoch, wie sie sie in Erinnerung hat. „Where are you?"

   Sie sagt, dass sie in dem Café am Fluss sitzt. Und dass sie Angst hat.

   „Me too", kommt es aus dem Hörer, „I will be with you in five minutes."

   Es werden die kürzesten fünf Minuten ihres Lebens. Er ist da, ehe sie ihren Tee ausgetrunken hat. Er kommt die kleine Treppe herunter und den Weg entlang. Sein Lächeln ist so wie auf dem Foto, nur wärmer. Und plötzlich ist es ihr gleichgültig, ob er Pie mag oder nicht und ob er morbide Neigungen hat. „Hi, Bill", sagt sie, „I am so glad to meet you." Sie steht auf und geht ihm entgegen.

 

© Cathrin Block



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